Anti-Stress-Atmung: die 5-Minuten-Übung für vor einer Prüfung oder einem Wettkampf
Wenn der Stress steigt, kannst du deinem Herzen nicht befehlen, langsamer zu schlagen. Aber du kannst deine Art zu atmen ändern, und das ist eine der schnellsten und am besten erforschten Methoden, um auf dein Nervensystem einzuwirken. Hier erfährst du, warum das funktioniert, wie die Übung Schritt für Schritt geht und welche Fehler du vermeiden solltest.
Warum die Atmung auf Stress wirkt
Stress wird von deinem autonomen Nervensystem gesteuert, das dein Herz, deine Verdauung oder dein Schwitzen regelt, ohne dass du daran denkst. Es hat zwei Hauptzweige: das sympathische System, das Gaspedal („Kampf oder Flucht“), und das parasympathische System, die Bremse (Ruhe, Erholung). Vor einer Prüfung oder einem Wettkampf gewinnt das Gaspedal die Oberhand: schneller Herzschlag, kurzer Atem, angespannte Muskeln.
Die Atmung hat eine Besonderheit: Sie ist die einzige automatische Körperfunktion, die du auch bewusst steuern kannst. Und sie ist direkt mit dem Herzen verbunden. Wenn du einatmest, beschleunigt sich dein Herzschlag leicht; wenn du ausatmest, verlangsamt er sich. Indem du die Ausatmung verlängerst und den Rhythmus verlangsamst, trittst du auf die Bremse.
Eine 2018 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit hat die Studien zur langsamen Atmung (weniger als zehn Atemzüge pro Minute) zusammengefasst: Sie ist mit einer höheren parasympathischen Aktivität, einer besseren Herzfrequenzvariabilität und, im subjektiven Empfinden, mit mehr Ruhe, Wachheit und Wohlbefinden bei weniger Angst verbunden1.
Stress belastet das Arbeitsgedächtnis, und das führt zu „Blackouts“4. Die körperliche Aktivierung mit dem Atem herunterzufahren heißt, deinem Gehirn einen Teil der Ressourcen zurückzugeben, die es zum Nachdenken braucht.
Die Atemübung gegen Stress, Schritt für Schritt
Hier ist die einfachste Version, die du im Sitzen, im Stehen auf dem Flur oder auf einer Bank in der Umkleide machen kannst. Sie dauert fünf Minuten.
- Mach es dir bequem. Rücken gerade, aber nicht steif, Schultern locker, Kiefer entspannt. Wenn du kannst, leg eine Hand auf deinen Bauch.
- Atme etwa 4 Sekunden lang durch die Nase ein und lass dabei eher den Bauch als die Brust sich heben.
- Atme etwa 6 Sekunden lang langsam aus, durch den leicht geöffneten Mund oder durch die Nase, als würdest du auf eine Kerze pusten, ohne sie auszublasen.
- Mach ohne Anstrengung weiter, in diesem Rhythmus von etwa sechs Atemzügen pro Minute. Halte bei vollen Lungen nicht die Luft an.
- Hol deine Aufmerksamkeit zum Atem zurück, jedes Mal, wenn sie zur Prüfung abschweift. Es ist normal, dass sie abschweift: Die eigentliche Übung ist das Zurückkommen.
- Nach fünf Minuten atmest du wieder normal und notierst auf einer Skala von 1 bis 10, wie du dich fühlst.
Wenn dir 4 und 6 Sekunden am Anfang zu lang vorkommen, beginne mit 3 und 5: Wichtig ist, dass die Ausatmung länger ist als die Einatmung und der Rhythmus angenehm bleibt.
Und was ist mit der Herzkohärenz?
Herzkohärenz ist eine besondere Form der langsamen Atmung, die in Frankreich unter dem Namen „Methode 365“ sehr beliebt ist: 3-mal täglich, 6 Atemzüge pro Minute, jeweils 5 Minuten (5 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen).
Der Rhythmus von sechs Atemzügen pro Minute ist nicht zufällig gewählt. Bei den meisten Erwachsenen synchronisieren und verstärken sich ungefähr bei dieser Frequenz die Schwankungen des Herzschlags und die des Blutdrucks: Die Herzfrequenzvariabilität ist dann am größten. Dieses Phänomen der „Resonanzfrequenz“ haben die Forscher Paul Lehrer und Richard Gevirtz gut beschrieben2.
Seien wir ehrlich: Die „365“-Regel ist eine praktische Empfehlung, um eine Gewohnheit aufzubauen, kein als solches validiertes Protokoll. Was zählt, ist, regelmäßig langsam zu atmen. Wenn dir 5-5 besser liegt als 4-6, bleib dabei.
Das „physiologische Seufzen“: die Express-Version
Du hast nur zehn Sekunden, bevor du den Raum betrittst oder auf die Tatami-Matte gehst? Probier das physiologische Seufzen:
- Atme durch die Nase ein.
- Hol, ohne auszuatmen, ein zweites Mal kurz Luft durch die Nase, um die Lunge ganz zu füllen.
- Atme sehr langsam und vollständig durch den Mund aus.
Ein bis drei Wiederholungen reichen oft aus, um die Anspannung zu lösen. In einer Studie von 2023, in der Freiwillige einen Monat lang täglich fünf Minuten übten, hat diese auf eine lange Ausatmung ausgerichtete Atmung („zyklisches Seufzen“) die Stimmung stärker verbessert und die Atemfrequenz in Ruhe stärker gesenkt als Achtsamkeitsmeditation3.
Wann du die Anti-Stress-Atmung einsetzt
- Jeden Tag ein paar Minuten: Das ist das Training. Was du ohne Druck wiederholst, läuft automatisch ab, wenn der Druck steigt.
- Am Morgen einer Prüfung, nach dem Frühstück oder unterwegs in Bus und Bahn.
- Kurz vor dem Betreten des Prüfungsraums oder vor der mündlichen Prüfung: zwei oder drei physiologische Seufzer.
- Während der Prüfung, unauffällig: drei lange Ausatmungen durch die Nase, wenn du nicht weiterkommst.
- Vor einem Wettkampf, beim Aufwärmen oder zwischen zwei Durchgängen, wie das Mokusō im Karate (siehe unseren Leitfaden zur mentalen Vorbereitung im Karate).
- Abends, um einzuschlafen, wenn dir noch alles im Kopf herumgeht.
Häufige Fehler
Zu kräftig atmen
Langsam atmen heißt nicht, möglichst viel Luft zu holen. Große, forcierte Atemzüge kurz hintereinander können Schwindel oder Kribbeln auslösen (Hyperventilation). Der Atem sollte sanft bleiben, fast lautlos.
Sich zur Ruhe zwingen wollen
Wenn du die Übung machst und dir dabei sagst „ich muss mich jetzt unbedingt beruhigen“, setzt du dich zusätzlich unter Druck. Folge einfach dem Rhythmus: Die Ruhe kommt als Folge, nicht als Ziel.
Es erst am großen Tag ausprobieren
Eine Technik erst am Morgen der Prüfung kennenzulernen, ist wie neue Schuhe erst am Tag des Marathons auszuprobieren. Übe schon einige Tage vorher, damit dir der Ablauf vertraut ist.
Wenn du Schwindel, Beschwerden oder Unwohlsein spürst, hör auf und atme wieder normal. Wenn du eine Atemwegs- oder Herzerkrankung hast, frag deine Ärztin oder deinen Arzt um Rat, bevor du regelmäßig übst.
Der Kiai von Apex: die geführte Atmung
In Apex Mindset ist die Atmung einer der vier Schritte des Express-Protokolls: der Kiai, ein geführter Atemzug, der Schultern und Kiefer lockert, nach der Verankerung (Mokusō) und vor dem mentalen Durchspielen (Kata). Der Rhythmus wird auf dem Bildschirm angezeigt: Du musst nichts zählen, nur folgen. Du bewertest deinen Stress vorher und nachher, um die Wirkung an dir selbst zu sehen, statt uns einfach aufs Wort zu glauben.
Was du am Vortag und am Tag der Prüfung tun kannst, erfährst du in unseren 7 Schritten gegen Stress vor einer Prüfung.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange muss man atmen, um sich zu beruhigen?+
Funktioniert Herzkohärenz wirklich?+
Kann man die Atemübung während einer Prüfung machen?+
Was ist der Unterschied zwischen Herzkohärenz und langsamer Atmung?+
Quellen
- Zaccaro A. et al., How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing, Frontiers in Human Neuroscience, 2018. frontiersin.org
- Lehrer P. M. & Gevirtz R., Heart rate variability biofeedback: how and why does it work?, Frontiers in Psychology, 2014. frontiersin.org
- Balban M. Y. et al., Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal, Cell Reports Medicine, 2023. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Beilock S. L. & Carr T. H., When high-powered people fail: working memory and « choking under pressure » in math, Psychological Science, 2005. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
Wenn du gerade eine sehr schwere Zeit durchmachst oder daran denkst, dir selbst wehzutun, bist du nicht allein: In Frankreich erreichst du die 3114 (nationale Suizidprävention, kostenlos, rund um die Uhr), den 15 oder bei einem Notfall die 112, oder Fil Santé Jeunes unter 0 800 235 236 (kostenlos, anonym). Außerhalb Frankreichs wähle die örtliche Notrufnummer (ebenfalls 112 in der EU). Bei Gefahr oder Gewalt gegen eine minderjährige Person (in Frankreich): 119. Bei Online-Mobbing (in Frankreich): 3018.
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt nicht die Einschätzung eines Arztes oder einer Psychologin. Apex Mindset ist kein Medizinprodukt.